15. Februar 2020  I  Kategorie: Schadensersatz bei scheinbarem Angriff eines Hundes

Bei Haftungsfragen im Tierrecht gibt es eine neue Entscheidung zu Ungunsten von Hundebesitzern, die ihren Hund nicht angeleint haben. Auch für den Augsburger Stadtwald ist die Diskussion um die Einführung einer Leinenpflicht ein Dauerbrenner. Die Einführung einer solchen Pflicht hätte nach Einschätzung unserer Kanzlei auch Auswirkungen auf die Tierhalterhaftung, wie der nachfolgend erörterte Beschluss des Oberlandesgerichts Koblenz zeigt.

Mit Beschluss vom 18.10.2018 Aktz.: 1 U599/18 hat das Oberlandesgericht Koblenz entschieden, dass gegen einen freilaufenden Hund Abwehrmaßnahmen getroffen werden können, wenn sich dieser offensichtlich nicht mehr von seinem Halter kontrollieren lässt. Eine Einschätzung des Abwehrenden, ob der Hund eine konkrete Gefahr darstellt, ist dabei nicht erforderlich.

In dem konkreten Fall ging der Kläger mit seiner angeleinten Hündin im Wald joggen. Dort traf er auf den Beklagten, der mit seiner Ehefrau und seinem nicht angeleinten Hund spazieren ging. Die auf diesen Fall anwendbare Gefahrenabwehrordnung besagt, dass bei unbebauten Ortslagen Hunde ohne Aufforderung anzuleinen sind, wenn sich andere Personen näheren oder sichtbar werden.

Der Hund des Beklagten entfernte sich aus dessen Sichtweite und näherte sich dem Kläger. Dieser rief den für ihn nicht sichtbaren Beklagten dazu auf, seinen Hund zurückzurufen und an die Leine zu nehmen. Nach mehrmaligen erfolglosen Rufen durch den Beklagten, kam der Hund jedoch nicht zum ihm zurück. Der Kläger versuchte den Hund des Beklagten mit einem Ast auf Distanz zu halten. Dabei rutschte er aus und zog sich eine Ruptur der Quadrizepssehne zu, welche operativ behandelt wurde.

Der Beklagte hat sich auf den Standpunkt gestellt, dass sein Hund sich erkennbar nicht aggressiv verhalten habe, da dieser die vom Kläger mitgeführte Hündin nur umtänzelt habe. Daher sei die Abwehrhandlung des Klägers nicht erforderlich gewesen und er könne somit auch nicht für die entstandenen Schäden haftbar gemacht werden. Dem Kläger sei wenigstens ein Mitverschulden aufgrund der nicht erforderlichen Abwehrhandlung anzurechnen.

Mit erstinstanzlichem Urteil des Landgerichts Koblenz wurde bereits die volle Haftung des Beklagten hinsichtlich der aus der Abwehrhandlung des Klägers entstandenen und noch entstehenden Schäden festgestellt.

Diese Entscheidung wurde auf Berufung des Beklagten durch das Oberlandesgericht Koblenz nun bestätigt. Danach reicht der Verstoß gegen die örtliche Gefahrenabwehrordnung für die Haftung des Beklagten aus. Demnach durfte dessen Hund nicht ohne Leine außerhalb seiner Sichtweite laufen. Dabei ist unerheblich, dass der Hund des Beklagten nur mit der Hündin des Klägers spielen wollte. Nach Ansicht des Gerichts ist es einem Spaziergänger nicht zumutbar vor einer Verteidigungshandlung zunächst die Gefährlichkeit des betreffenden Hundes einzustufen. Die Einschätzung des tierischen Verhaltens sei nämlich nur schwer möglich.

Ein freilaufender, nicht von seinem Besitzer kontrollierbarer Hund darf abgewehrt werden.
Entstehen dabei dem Abwehrenden Verletzungen, so kann der betreffende Hundehalter in vollem Umfang haftbar gemacht werden.

Bei der Beurteilung ob das Tierrecht Ihnen einen Anspruch auf Schadensersatz gibt, ist eine genaue Prüfung des Einzelfalls und der jeweilig geltenden Gefahrenordnungen erforderlich. Im Raum Augsburg wenden Sie sich doch an unsere auf Schadensersatz bei Tierhaftungsfragen spezialisierte Kanzlei. Unser Rechtsanwalt berät Sie gerne.